Der Gewinner der Wahl heißt: Angst!

Es scheint schon seltsam. Die AfD macht ordentlich Prozente, obwohl sie ein neoliberales Programm hat, welches ihre eigene Wählerschaft knechten wird. Die CDU führt haushoch, obwohl Angela Merkel diese Partei ideologisch völlig entkernte und viele Menschen den Verfall der Infrastruktur, der Bildung und ihrer Rentenansprüche täglich hautnah erleben dürfen. Ein Zustand, wofür die CDU maßgeblich mitverantwortlich ist. Daneben gibt es kleine Parteien mit innovativem Programm, die auch nicht den Hauch einer Chance besitzen, jemals in den Bundestag zu kommen.

Wer den Wahl-O-Mat ausprobiert und sich alle Parteien listen lässt, erlebt ein interessantes Phänomen. Bei vielen Nutzern tummeln sich in den oberen Rängen nicht nur die klassischen Parteien, sondern auch viele kleine, wie z. B. Piraten, DIB, Bündnis Grundeinkommen usw. In manchen Fällen sind die Übereinstimmungen mit der eigenen Überzeugung sogar größer, als mit dem Programm der im Bundestag vertretenen Parteien.
Trotzdem haben diese Kleinen alle keine Chance. Im Gegenteil erleben wir ein Erstarken der Parteien, die entweder auf Ressentiments setzen (Ausländer nehmen uns Frauen und Arbeit weg usw.) und/oder auf ein Erhalten des Status Quo (Für ein Deutschland, in dem es uns allen so toll geht usw.). In einem Artikel über die Merkwürdigkeit der Diskrepanz zwischen Wahlprogramm und Wähler der AfD in Bezug auf die neoliberale Agenda kommt der Autor Tomasz Konicz auf Telepolis zu folgender Schlussfolgerung: “Diese dumpfe unverstandene Krisenangst - die vom Mainstream ignoriert wird - ist es ja gerade, die letztendlich den Aufstieg der Rechten befördert. Die Rechtspopulisten brechen alle zivilisatorischen Tabus, um das eine systemische Tabu aufrechterhalten zu können: Es dürfen keine Systemalternativen zur kapitalistischen Dauerkrise diskutiert werden.”
Man muss mit vielen Thesen von Konicz nicht konform gehen, aber er legt in seinem Artikel den Finger auf eine Wunde, den auch viele Kritiker von AfD und Co. ignorieren. Alle großen Player im bestehenden Parteiensystem wollen nicht etwas Neues, sondern entweder soll das Bestehende erhalten und verbessert werden oder man wünscht sich zu einem vermeintlich besseren Zustand der Vergangenheit zurück. Systemalternativen außerhalb des bekannten Rechts-Links-Schema existieren nicht. Das System selbst ist sakrosankt und geradezu heilig unantastbar.  
Neue progressive Lösungsansätze, die das System in Frage stellen, finden sich am Ehesten in den Programmen der kleinen Parteien. Direkte Demokratie (Abschied von der Repräsentanz) oder das Bedingungslose Grundeinkommen (Abschied vom Dogma der Arbeit) sind zaghafte Ansätze der Veränderung. Innovationen wie das smi2le Progamm von Timothy Leary habe gar keine Vertreter. Einen Einzug in den Bundestag wird keine dieser kleinen Partei schaffen, geschweige denn eine Mehrheit für die Umsetzung dieser Ideen erreichen. Selbst innerhalb dieser kleinen Partei, das zeigt das Beispiel der Piratenpartei, werden ohne Not innerparteilich progressive Ansätze (BGE, Liquid Feedback) bekämpft und zunichte gemacht, um den systemischen Status Quo nicht zu gefährden.
Für einen extraterristischen Beobachter muss es seltsam anmuten, dass die Bevölkerung der Bundesregierung, und mit ihr ein großer Teil der Welt, ungebrochen dem Glauben an unendliches Wachstum in einer endlichen Welt anhängt und sehenden Auges in eine globale Katastrophe steuert, die nicht nur Millionen sondern Milliarden Menschen vorzeitig das Leben kosten wird. Von anderen Erdbewohnern brauchen wir gar nicht erst sprechen. Dabei dürfte der soziale Status des Einzelnen weitesgehend unbedeutend sein, denn auch die reichsten Menschen dieser Erde werden sich auf Dauer den Konsequenzen ihres eigenen Handelns, bzw. Nichthandels nicht entziehen können. Milliarden Gewinne aus der Rüstung werden niemanden etwas nutzen, wenn in Nord- und Südkorea bei einem atomaren Krieg 25 oder mehr zerbombte Akws eine bisher nicht gekannte radioaktive Verseuchung der Erde erzeugen. Eine Lebensverlängerung durch bessere medizinische Versorgung und die Flucht in eine andere Weltgegend sind nur kurzfristige Aufschübe vor dem Unvermeidlichen.  
Viele scheinen nach dem Motto zu agieren, Augen zu und durch. Die Augen zu verschließen und zu hoffen, dass die Konsequenzen unseres eigenen Handelns an uns vorübergehen mögen, ist aber ein kindlicher, geschichtlich frühzeitiger Zustand. Kleine Kinder drehen sich zur Wand, machen die Augen zu und glauben, niemand kann sie sehen, weil sie selbst niemand sehen. In ihrer Bewusstseinsstruktur gibt es noch nicht die Erkenntnis des Anderen, es gibt kein Verstehen einer fremden Sicht. Als dreht sich nur um sich selbst.
Kaum besser macht es der Glaube an eine externe Macht, die es für uns richten wird. Weder ein monotheistischer Gott, noch irgendwelche Außerirdischen, werden das Fiasko mit Superkräften verhindern. Kein Kaiser und kein König, kein Oligarch und kein Prinz auf einem weißen Pferd werden die Welt anhalten und ein Wunder bewirken, welches den geschaffenen Müll dieser Welt in einer Glitzerwolke verschwinden lässt. Die Prinzipien der Kausalität lassen sich in einer dreidimensionalen Welt nicht aufheben, Ursache erzeugt immer eine Wirkung.
Nach dem nun die Magie eines Kinderbewusstseins versagt und auch der Glaube an eine sichtbare oder unsichtbare, externalisierte Kraft, keine Hilfe zu bringen scheint, sollte es doch zu mindestens das rationale Bewusstsein und seine vielen, wunderbaren Ideologien richten. Doch befreit von Gott und Göttern und jeglicher Hierarchie vernichtet der Mensch seine eigene Lebensgrundlage, seine organische Mitwelt, in einer bisher nicht gekannten Geschwindigkeit. Das rationale Bewusstsein hat durch die Schaffung der Perspektive den mythischen Kreislauf dauerhafter Erneuerung durchbrochen, um eine Gegenwart zu schaffen, deren Zukunft allein die materielle Befriedigung kennt. Kommerz und Körperkult schreien das Credo in jeder Werbebotschaft in die Welt: Ich muss haben, damit ich bin.
Das rationale Bewusstsein hat alles Immaterielle außerhalb seines beschränkten, flachen Horizonts, wie z. B. die Liebe, ethische Werte, wahre Schönheit, entweder für unwissenschaftlich oder als Ausdruck biologischer Prozesse erklärt. Innere Erkenntnis und Werte zählen nichts, Äußerlichkeiten alles. Kurz gesagt: Hat der Mensch nichts und kriegt er nichts, dann ist er Nichts! Hinter dem Streben, ja der Gier, nach Haben um zu Sein und der daraus resultierenden Aggression gegen jeden und alles, was das in Frage stellt, steht nichts als die nackte Angst. Doch mit dem sinnlosen Versuch immer mehr haben zu wollen, wird alles immer weniger. Je mehr wir versuchen durch Haben zu Sein, desto weniger gibt es überhaupt zu haben. Und jene, die inzwischen so unglaublich viel haben, sind die Ängstlichsten, und damit die Gierigsten und damit die Aggressivsten und die Gefährlichsten.
Hier ist sie nun, die Gewinnerin der Wahl, die Angst. Die Angst vor dem Nichts ist der Motor der eigenen und mitweltlichen Zerstörung, denn sie zementiert den Status Quo, u. a. Kapitalismus genannt. Die Angst ist so riesig, so existentiell, dass lieber die Selbstzerstörung in Kauf genommen wird als sich der Angst selbst zu stellen. Die wahrhaft prophetische Formel Orwells, Krieg ist Frieden, bringt es auf den Punkt. Unsere materielle Rationalität ist in Wirklichkeit irrational. Die Programme der Kleinen sind oft menschlich, progressiv und positiv zukunftsorientiert, sich den Erfordernissen stellend, die unser jetziges Handeln hervorbringt, doch gewählt werden Parteien, die zerstörerisch, kriegerisch und ungerecht gehandelt haben und weiter handeln werden. Angst essen Seele auf und benebelt den Verstand.
Wenn wir uns als Einzelne und als Kollektiv dieser Angst nicht stellen, dann wird sie uns vernichten. Die kommenden Katastrophen werden dann den Menschen erneut gnadenlos auf sich selbst zurückwerfen. Das wäre nicht nötig, wenn man die Transformation freiwillig anstrebt und der Wunsch nach der Erkenntnis des eigenen Selbst größer ist als die Angst vor dem Nichtsein. Sich dem eigenen Sein zuzuwenden und sich der Angst zu stellen, bedeutet nicht zwangsläufig auf Wohlstand und Komfort zu verzichten. Es bedeutet auch keine Rückkehr zu überholten Gottesvorstellungen und konstruierten Hierachien. Es bedeutet auch keine Abkehr von der Welt und keine Resignation. Es bedeutet bestehende Bewusstseinsstrukturen zu integrieren, ohne sie zu verdrängen und ohne sich von ihnen beherrschen zu lassen. Es bedeutet, dort zu wachsen, wo uneingeschränktes Wachstum eigentlich hin gehört. In uns selbst.
Die Demokratiesimulation um uns herum ist ein Blendwerk zur Aufrechterhaltung eines sich selbst zerstörenden Systems. Es ist im Großen und Ganzen egal, welche der bestehenden Parteien diese Zerstörung fortsetzt. Die Wahl entscheidet nur darüber, ob Parteien gewählt werden, die es etwas schneller oder etwas langsamer bewerkstelligen.

Darum sollte man, wenn man wählen geht, allein auf sein Herz hören. Zur Überwindung der Angst bedarf es Transparenz, Bildung (Inneres Wachstum), Mitbestimmung und Selbsterkenntnis. Und viel Liebe!