Gedanken zum Digitalpakt und zum Medienkonzept

Der Digitalpakt ist ein 5 Milliarden Euro Geschenk an die Hard- und Softwarehersteller. Eine Art digitale Abwrackpläne für Geräte- und Softwarehersteller wie Apple, Microsoft und Co., denn die Ausstattung von Schulen mit Computern, Tablets, Smartboards oder ähnlichem bildet nicht einen einzigen Pädagogen aus oder finanziert ihn langfristig. Das Geschenk ist sogar noch größer, denn die angeschafften Geräte altern schnell und müssen ersetzt werden. Außerdem bedarf es der Infrastrukturpflege (Netzwerk- und Serverbetreuung), die ebenfalls nicht finanziert wird.

 

Nichtsdestotrotz hat der Digitalpakt an Waldorfschulen die Diskussionen um Medienkonzepte befeuert. Es sollte auch beachtet werden, dass sich zur Zeit ein großer Druck seitens der Elternschaft aufbaut, die ihre Kinder fitgemacht sehen wollen für die digitale Arbeitswelt. Der Bund der Freien Waldorfschulen hat darauf reagiert. Zuerst mit der Broschüre „Struwwelpeter 2.0“ und nun mit der Schrift „Medienpädagogik an Waldorfschulen / Curriculum - Ausstattung“.

Die Broschüren sind ein guter Einstieg ins Thema, verengen es aber auf die Fragen, welche Geräte und Inhalte ab Klasse 7 aufwärts zum Einsatz kommen sollten. Sie klammern die private Medienrealität der Kinder der Klasse 1 bis 6 und jünger vollständig aus und sehen sich nicht in der Verantwortung für diesen Bereich, außer den Hinweis zu geben, dass es den Kindern nicht gut tut, in diesen Altersstufen digitale Medien zu nutzen. Das ist zwar richtig, aber meines Erachtens nicht ausreichend.

Pädagogische Konzepte werden seit Anbeginn vom Erwachsenen aus gedacht und gestaltet. Was hält der Erwachsene für förderlich und welche Erfahrungen und welches Wissen gibt er weiter?

Mit der rasanten Entwicklung digitaler Medien haben wir aber einen Zustand innerhalb der Pädagogik erreicht, in dem die Kinder über Erfahrungen verfügen, die die Lehrenden nie gemacht haben, die ihnen nicht zugänglich sind und die auch nicht nachgeholt werden können. Zur Zeit findet ein riesiges Experiment statt, in dem die Kinder die Pioniere sind und die Erwachsenen können ihnen NICHT den Weg weisen. Sie können sie stärken und unterstützen, aber sie wissen nicht, wohin der Weg die Kinder führt. Weder im Guten noch im Schlechten. Das Verhältnis der Erfahrung zwischen Lehrern und Kindern hat sich, zumindestens was digitale Medien und Werkzeuge angeht, radikal umgedreht und deshalb kann eine Medienpädagogik nur erfolgreich sein, wenn sie sich ebenfalls umdreht, d. h., dass medienpädagogische Konzepte, die sich nur damit beschäftigen, welche technischen Geräte zu welchem Zeitpunkt zum Einsatz kommen sollen, den Kindern nicht gerecht werden, sondern eher den Machern des Digitalpaktes. Die Kinder und Jugendlichen beschreiten einen einsamen Weg der Erfahrung und wir müssen sie fragen, was sie erleben, was sie nutzen, was sie brauchen und was sie wollen.

Die Waldorfpädagogik weiß darum, was notwendig ist um gesund seelisch, geistig und körperlich wachsen zu können und was zu welchem Zeitpunkt geübt und gekonnt sein sollte, um den nächsten Entwicklungsschritt gehen zu können. Darum ist es richtig, die bisherige Erziehung, wie z. B. Medienabstinenz in der Unterstufe, nicht anzurühren. Ein medienpädagogisches Konzept, welches versucht den Kindern und dem umgekehrten Verhältnis bezüglich der Erfahrung gerecht zu werden, sollte zusätzlich erfolgen, beginnend in Klasse 1!

Im Folgenden möchte ich skizzenhaft einige Notwendigkeiten beschreiben, mehr als Anregung denn als fertiges Konzept. Die Ausgestaltung und Umsetzung ist eine pädagogische Aufgabe des Kollegiums.

  • Die bisherigen Unterrichtsinhalte werden nicht verändert oder gekürzt.
  • Alle Klassen, von 1 bis 12, haben ein, besser zweimal im Jahr, eine Medien- oder Digitalepoche. Länge und Ausformung sind abhängig vom Inhalt.

In der Unterstufe liegt der Schwerpunkt auf der Wahrnehmung der Kinder (Kein Medieneinsatz!). Was machen sie in ihrer Freizeit? Was nutzen sie? Was erleben sie? Was ängstigt sie?
Wie eine Durchführung aussieht, muss im Kollegium erarbeitet werden und dürfte nicht einfach sein. Viele Kinder haben ein Handy und nutzen Tablets, aber nicht alle. Wie geht man das Thema an, um diejenigen zu erreichen, die es bereits nutzen, ohne diejenigen „anzufixen“, denen es bisher verwehrt war.

In der Mittelstufe liegt der Schwerpunkt auf der Hilfe zur Selbsthilfe und praktische, technische Erfahrung.
Wie verifiziere ich Informationen, wie funktioniert ein Computer, welche Erfahrungen gibt es, was nutzen die Kinder zu Hause. Was sind Ihre Wünsche und Bedürfnisse?

In der Oberstufe liegt der Schwerpunkt auf gesellschaftlicher Veränderung durch den Einsatz digitaler Mittel und theoretische und praktische Erfahrung aus der Informatik.

  • Anschaffungen gehen nicht von den Lehrern aus, sondern von den KIndern, bzw. Jugendlichen. Es ist unsinnig für viel Geld 30 Laptops anzuschaffen, die in kürzester Zeit veraltet oder kaputt sind, die eine Netzwerkinfrastruktur benötigen, welche wiederum nicht unerhebliche personelle Ressourcen frisst. Anschaffungen müssen von dem ausgehen, was die Kinder bereits nutzen und besitzen. Und das wandelt sich schneller als man denkt. „Bring your own device“ wäre so ein Ansatz.
  • Die Schule braucht einen Medienpädagogen, eine Art Digitalombudsman, der sowohl die Epochen hält und/oder begleitet, der die Schule berät, z. B. bezügl. der Nützlichkeit von Anschaffungen, der Elternabende und Lehrerfortbildungen durchführt, der Ansprechpartner für die Kinder ist, wenn sie Probleme haben (Mobbing, Grooming, usw.). Der das Wissen und die Erfahrungen dokumentiert und aufbereitet.

Ein Digitalombudsman, bzw. Medienpädagoge ist auch nötig, weil die ausreichende Fortbildung eines Kollegium eine Illusion darstellt. Schon jetzt ist die Kluft zwischen den Kindern und Jugendlichen als sogenannte „digitale Natives“ bei der Bedienung und Nutzung von datenverarbeitenden Maschinen gegenüber den „digitale Immigrants“, also Eltern und Lehrer, uneinholbar. Das wird sich in den nächsten Jahrzehnten nivellieren, aber dann haben wir mehr als eine Generation verloren.

Abschliessend halte ich es auch für notwendig, die digitale Revolution historisch, geistig und spirituell einzuordnen, um Nutzen von Schaden überhaupt unterscheiden zu können. Ich selbst benutze dafür das Konzept der Evolution des Bewusstseins nach Jean Gebser und Ken Wilber. Selbstverständlich kommen auch andere Einordnungschemata in Frage. Wenn so eine Einordnung interessiert, für den habe ich hier eine kurze Zusammenfassung erstellt.